2. Körperlichkeit in der Beziehungsgestaltung an Schulen

Forum profilQ, 7. Dezember 2016

 

Mit der Vorverlegung des Schuleintritts auf das 4. Altersjahr, der Integration aller Kinder in die Regelklassen, dem Ausbau der Tagesschulen und der zunehmenden kulturellen Vielfalt müssen sich Schulen mit sinnvoll gestalteten Körperkontakten befassen. Heute sind selbst alltägliche körperliche Beziehungen oft tabuisiert, und für professionelle Kontakte wirken herkömmliche Rezepte wie „gesunder Menschenverstand“ und „pädagogisches Gefühl“ wie aus der Zeit gefallen.

Die Erfahrungen zeigen aber, dass viele Lehrpersonen in dieser Frage verunsichert sind und aus Angst, etwas falsch zu machen, auf jede körperliche Berührung von Kindern verzichten. Es gibt nur vereinzelt konzeptionelle Unterlagen zum Umgang mit Körperkontakt im schulischen Umfeld und kaum Forschungsergebnisse dazu. Es scheint aber, dass stimmiger körperlicher Kontakt für das erfolgreiche Lernen und das soziale Verhalten relevant sind.

Mit der Zunahme von Tagesschulen wird die Frage aktueller denn je: Mehr noch als die traditionellen Schulen stehen die Tagesschulen vor der herausfordernden Aufgabe, zu definieren, wie auf das Bedürfnis der Kinder nach Nähe und Berührung professionell und menschlich reagiert werden kann. Denn das Motto „Kinder niemals anrühren!“ ist aus professioneller Sicht keine Lösung.

Einige Leitgedanken aus den Diskusssionen des Forums profilQ:

  • Kinder sollten grundsätzlich anzeigen, was sie wünschen. Doch alleinige Orientierung am Kind wäre nicht zielführend: Lehrpersonen müssen Grenzen festlegen und zum Beispiel Berührungen selbst wieder auflösen.
  • Lehrern und Lehrerinnen muss jederzeit bewusst sein, dass ihre Handlungen dem beruflichen Auftrag unterstehen und immer auf einer asymmetrischen Beziehung beruhen.
  • Schulen sollten Konzepte und Qualitätsstandards zum Umgang mit Körperlichkeit im Team erarbeiten und allen Beteiligten unterbreiten – nur so lässt sich Vertrauen schaffen. Wichtig dabei: Körperlichkeit positiv besetzen und definieren, Vorbildlichkeit der Lehrpersonen leben, Konzepte transparent kommunizieren.
  • Schulen sollten die Vorgehensweisen sowie die Zuständigkeiten beim Verdacht auf Übergriffe, Misshandlung und Gewalt festlegen und kommunizieren. Dabei liegt der Lead nie beim Team, sondern zum Beispiel bei der Schulleitung, dem Krisenstab, einer Meldestelle und/oder externen Personen.
Arbeitspapier zum Forum profilQ: Körperlichkeit in der Beziehungsgestaltung an Schulen

 

Unterlagen zum Thema

Integrität respektieren und schützen. Ein Leitfaden für Lehrpersonen, Schulleitungen, weitere schulische Fachpersonen und Schulbehörden
Hrsg. vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH, 2. überarbeitete Auflage Zürich 2017

Professionelle Beziehungsgestaltung im Spannungsfeld von Nähe und Distanz
Grundlagenpapier der Tagesschule Moosseedorf, 2015

Sexualpädagogisches Konzept: Zum Umgang mit Nähe und Distanz
Tagesschule Münchenbuchsee, 2016

Nähe und Distanz. Nonverbale Kommunikation im Musikunterricht
Maya Hofer, Kongressdokumentation des Schweizerischen Verbands der Gesangslehrenden

 

Unterlagen und Konzepte aus verwandten Bereichen

Nähe – Distanz – Grenzen
Merkblätter und Orientierungshilfen von Swiss Olympic

Verhaltenskodex für Mitarbeiter/innen von Kindertagesstätten
Hrsg. vom Verband Kindertagesstätten der Schweiz (KiTaS) 2015

Grenzen achten – Kinder schützen
Verhaltenskodex der Schulergänzenden Betreuung Stadt Winterthur

Berufskodex Soziale Arbeit Schweiz
Ein Argumentarium für die Praxis der Professionellen, hrsg. von Avenier Social, 2010

 

Zum Weiterlesen

Weniger aggressiv dank guter Beziehung zur Lehrerin, dem Lehrer
Medienmitteilung der ETH-Hochschulkommunikation, August 2016

Nähe und Distanz – Dimensionen pädagogischen Handelns
Bernhard Schmalenbach in RoSe – Research on Steiner Education Vol 5, special issue 2014

Achtsam im Umgang – konsequent im Handeln
Das Handbuch zu institutioneller Prävention, hrgs. von der Fachstelle Limita